Der interessante Fall

Kinder, die heute mit Antibiotika behandelt werden, sind oft die Allergiepatienten von morgen.

Viele Wege führen zum Heilmittel

Die homöopathische Therapie ist eine Synthese aus Fallaufnahme (Anamnese), Fallbeurteilung, Mittelwahl und Beurteilung des Fallverlaufs. Anhand ausgewählter Fallschilderungen soll an dieser Stelle die Vorgehensweise erläutert werden.

Aus datenschutzrechtlichen Gründen können keine Fälle aus der eigenen Praxis vorgestellt werden. Die geschilderten Kasuistiken sind allesamt der neueren und älteren Literatur entnommen.

Die nachfolgenden Falldarstellungen sollen nicht zur Selbstmedikation anleiten. Die Mittelwahl erfolgte nach strengen Kriterien, die sich immer am individuellen Gesamtbild der Krankheit orientierten.

Fall 1: Kind, 4 Jahre, Anämie

Ein 4-jähriger Junge wurde mit Appetitlosigkeit und Anämie sowie einer Vorgeschichte von rezidivierenden Infekten in die Praxis gebracht. Er war sehr aufgebracht und jammerte andauernd: „Ich möchte nach Hause.“ Darüber hinaus hatte er eine ausgeprägte Furcht vor Annäherung fremder Menschen. Er war sehr vorsichtig und darauf bedacht, sich nicht zu verletzen. Die Mutter berichtete, dass er sich schon immer davor fürchtete, hinzufallen.

Reaktion auf das verordnete Mittel:
Das Kind, das auf zuvor verordnete homöopathische Arzneien nicht reagiert hatte, zeigte innerhalb einer Woche nach der Mitteleinnahme eine deutliche Veränderung. Der Appetit besserte sich. Der Junge hatte keine Angst mehr, in die Klinik zu gehen.

Weiterer Fallverlauf:
Nach 6 Monaten kam es zu einem Rückfall der körperlichen Beschwerden. Als Auslöser des Rückfalles kommt eine Zahnoperation in Betracht, die kurz zuvor unter Vollnarkose durchgeführt worden war. Das homöopathische Mittel wurde daraufhin im Abstand von 15 Tagen wiederholt, worauf sich der Gesamtzustand des Kindes innerhalb eines Monats erholte.

Verordnetes Mittel:
Cupr-acet.

Fall 2: 50-jährige Frau, Vaginalsoor

Der Vaginalsoor bestand seit 12 Jahren. Die Patientin litt an starkem Weißfluss, der scharf war und heftigen Juckreiz verursachte. Schwellung der Vulva, mit stechenden, brennenden Schmerzen in der Vagina. Die Absonderungen waren immer übelriechend. Heuschnupfen seit der Kindheit.

Gemüt: schüchternes, sanftes Wesen, emotional verschlossen. Ordentlich, aber nicht pingelig.

Frostig. Schwitzt leicht. Zwei kleine Kinder.

Silicea und später Sepia (prämenstruelles Spannen) brachten keine Wirkung.

Die Frau kam nach 7 Jahren wieder und klagte über eine Abneigung gegen Sex. Sie war in einem schockartigen Zustand mit akutem Kummer und Verzweiflung. Ihr Ehemann hatte unerwartet seine Arbeit verloren. Dabei wohnten sie in einer der teuersten Gegenden , mit einer riesigen Hypothek belastet. Zudem besuchten die Kinder eine teure Privatschule. Extremer Stress. Allerdings war die verminderte Libido nicht auf den Stress zurückzuführen. Sie hatte eine große Angst vor dem Beischlaf. Schon der Gedanke daran bereitete ihr großes Unbehagen.

Sehr reizbar vor der Menstruation. Sie hatte keine Angst vor Armut, da sie sich mit der Situation abgefunden hatte. Die Familie hatte sich wieder an ein einfacheres Leben gewöhnt, die Patientin hatte einen Job angenommen, um über die Runden zu kommen. Der Vaginalsoor war unter allopathischer Behandlung verschwunden.

Reaktion auf das verordnete Mittel:
Nach Gabe des Mittels kam es zu einer hervorragenden Reaktion. Die Furcht vor Sex war bald nach der Einnahme verschwunden. Außerdem konnte die Patientin deutlich besser mit der schlechten wirtschaftlichen Situation umgehen und sie wurde viel entspannter.

Verordnetes Mittel:
Kreosotum

Fall 3: 14-jähriges Mädchen, Amenorrhoe

Dunkelhaariges Mädchen mit rosigem Teint, fehlende Menstruation. In der Schule wurde sie zunehmend träge, verlor an Farbe und Appetit, sie wurde sehr gereizt und nervös. Sie magerte stark ab und die Beine wurden schwach, sodass sie beim Gehen zitterten. Schon kurze Gehstrecken waren unmöglich. Auf diese Symptome hin erhielt sie Phos-ac., was jedoch nicht die mindeste Wirkung brachte.

Der Harn wies keinerlei Eiweiß oder Zucker auf. Helonias, was bei ähnlichen Symptomen geholfen hatte, brachte nichts. Schließlich stellte sich heraus, dass das Mädchen trotz ihrer allgemeinen Appetitlosigkeit gegen jegliche Speisen ein unwiderstehliches Verlangen nach Zucker hatte. Ihre Mutter musste die Zuckerdose verstecken und aufhören, Kuchen zu backen, da sie glaubte, dass dieser ungewöhnliche Heißhunger auf Zucker die Ursache für die Krankheit der Tochter war.

Fallverlauf nach Mittelgabe:
Nach Einnahme des Mittels kam es zu einer erstaunlichen Besserung der Symptomatik. Jegliches unerwünschte Symptom verschwand, und innerhalb eines Monats wurde das Mädchen vollständig gesund.

Verordnetes Mittel:
Arg-n.

Fall 4: 50-jährige Frau, Rheuma

Rheuma unklaren Ursprungs im Nacken, Ischiasgegend, verkompliziert mit Durchfall, den sich die Patientin am Meer zugezogen hatte. Lymphknotenschwellungen an den Unterarmen und an der Rückseite der Oberschenkel, scheinbar myxödematöser Art.

Eine Schwester der Patientin litt an elephantiasisähnlichen Symptomen. Die rheumatischen Beschwerden hatten sich in den letzten Wochen langsam verlagert. Das zuvor verordnete Rhus radicans hatte vorübergehend geholfen. Aber es traten heftigere Beschwerden im Fuß auf, der anschwoll, leicht gerötet und sehr berührungsempfindlich war. Sie musste häufig die Lage wechseln, was ihr aber keine Linderung brachte.

Auch die Ischialgie verschlimmerte sich. Pulsatilla wurde erfolglos gegeben. Die Patientin weinte die meiste Zeit über, verärgerte und entmutigte ihre Familie. Es war nun deutlich, dass sich der Zustand nachts verschlimmerte, besonders im ersten Teil der Nacht, der Schmerz erstreckte sich zu den Zehen und schoss hinaufwärts, besonders durch Bettwärme und schon bei der Vorstellung einer Berührung. Die Patientin konnte den Fuß nicht herabhängen lassen.

Fallverlauf nach der Mittelgabe:
Am Tag nach der Einnahme zeigte sich, wenn überhaupt, nur eine leichte Besserung, die Patientin weinte nach wie vor fast andauernd. Die Verordnung wurde wiederholt, was die Arthritis erfolgreich beseitigte. Darüber hinaus jedoch war die Besserung des Allgemeinzustandes (drei Wochen später) überaus deutlich.

Verordnetes Mittel:
Vipera

Fall 5: 63-jährige Frau, Anurie

Die Patientin litt unter akuten Schmerzen in der rechten Lende, mit Erbrechen den ganzen Tag über. Konnte kein Wasser lassen. Keine Blasendehnung. Durch den eingeführten Katheter wurden nur wenige Harntropfen entleert. Ungemeine Empfindlichkeit von der Lende über die Niere und nach vorn. Blutdruck 200/100. Die Patientin litt offensichtlich unter Anurie.

Alles, was sie zu sich nahm, wurde erbrochen. Noch immer kein Harn in der Blase. Eine Röntgenaufnahme zeigte einen Stein in der rechten Niere und einen im rechten Harnleiter. 80 mg% Harnstoff im Blut, ansteigend.

Der Zustand der Patientin war so prekär, dass man dachte, sie würde eine Operation nicht überstehen. Es gab keine Anzeichen einer linksbasalen Stase. Der Schmerz in der rechten Lende strahlte nach unten in die Blase. Die Patientin hatte das Gefühl, dass es ihr besser gehen würde, wenn sie Wasser lassen könnte. Mit Hilfe des Katheters ging aber nur wenig Urin ab; aber sogar diese geringe Menge schien die Schmerzen zu lindern.

Reaktion auf die Mittelgabe:
Bald nach der ersten Einnahme konnte die Patientin etwas Harn lassen, was den Schmerz deutlich linderte. Von da an nahm der Harnfluss stetig zu. Die Patientin genas vollständig, bis auf den Stein in der Niere.

Verordnetes Mittel:
Lycopodium

Fall 6: 22-jähriger Mann, übersteigertes Sexualverlangen

Der junge Mann, Maschinenbaustudent, kam drei Tag lang nicht nach Hause, weshalb seine Eltern sehr besorgt waren. Man wusste zwei Monate lang nicht, wo er sich aufhielt, bis man ihn schließlich in elendem Zustand in Surat fand und heim brachte. Er hatte jegliches Interesse an seinem Studium verloren (darüber hinaus auch ein akademisches Jahr). Er ging nicht einmal der eigenen Körperpflege nach. Extrem abgemagert blieb er in seinem Zimmer eingeschlossen, ohne Kontakt zu irgendjemand, sei es aus der Familie oder Freunde. Nachts war er schlaflos. Er war über zwei Monate lang in psychiatrischer Behandlung, was aber keinen nennenswerten Erfolg brachte. Die Behandlung machte ihn vielmehr schläfrig und lustlos.

Die Eltern, die in diesem Stadium wegen einer homöopathischen Behandlung in die Praxis kamen, konnten nur wenig über die möglichen Gründe für das Weglaufen angeben, oder warum er sämtlichen Kontakten aus dem Weg ging. Die einzig mögliche Erklärung, die sie sich vorstellen konnten, war ein Versagen bei einem Examen, und dass er im Vergleich zu seinem jüngeren Bruder, der am selben College studierte, hinterher war.

Anfangs bekam er wenige Gaben Hyos. 200, aber ohne Erfolg. In der dritten Sitzung bekannte der Mann, dass seine Gedanken andauernd um sexuelle Angelegenheiten kreisten, weshalb er jegliches Interesse am Studium verloren hatte. Zusätzlich zu den lüsternen Gedanken hatte er einen unwiderstehlichen Drang zu Masturbation. Schon der bloße Anblick von Frauen erregte in ihm wollüstige Gedanken. Dieser innere Konflikt trieb ihn dazu, von zuhause weg zu laufen.

Reaktion nach der Mittelgabe:
Er bekam das Mittel in der 10M, zwei Mal täglich über zwei Tage, dann einmal täglich über zwei Tage. Nach einer Woche des Abwartens zeigte sich noch keine konkrete Besserung. In diesem Stadium wurde die 6. Potenz verordnet, zwei Mal täglich über zwei Wochen. Eine Woche danach kam es zu einer dramatischen Verhaltensänderung. Der Patient ging aufs College und begann, sich wieder für das Studium zu interessieren, was er im weiteren Verlauf auch abschloss. Seitdem sind zwei Jahre vergangen und er ist völlige beschwerdefrei.

Verordnetes Mittel:
Ustilago

Fall 7: 10-jähriger Junge, rechtsseitige Lobärpneumonie

Der Junge wurde ins Krankenhaus eingeliefert und die Mutter meinte, dass er Schüttelfrost gehabt habe. Er klagte über Rückenschmerzen, war fiebrig, redete viel und schien zuweilen deliriös. Diagnose: rechtsseitige Lobärpneumonie.

Temperatur 38,9°C, Puls 118, Atmung 32. Der Junge war den größten Teil des Nachmittags und des Abends deliriös; sehr durstig, gierig auf Flüssigkeiten. Möchte andauernd aus dem Bett aufstehen; ängstlicher Gesichtsausdruck. Am nächsten Tag leichte Verschlimmerung.

Reaktion auf die Mittelgabe:
Um 20 Uhr erhielt er drei Gaben der Arznei in Abständen von 2 Stunden. Vor Mitternacht wurde eine Veränderung bemerkt; der Patient begann reichlich zu schwitzen. Um 1 Uhr fiel er in einen gesunden Schlaf, der bis zum Morgen anhielt. Am nächsten Morgen: Temperatur normal; die Gemütssymptome waren verschwunden und die körperliche Untersuchung zeigte, dass die Lungenentzündung zurückging. Die Genesung verlief ohne Zwischenfall.

Verordnetes Mittel:
Stramonium

Fall 8: Frau mit linksseitigem Lungenabszess

Die Frau kam in die Klinik und bat um die Behandlung ihres beschwerlichen Hustens. Sie zeigte sich eine starke Abmagerung und ich sagte, dass ich ihr zwar helfen könne, sie jedoch nicht davon ausgehen könne, dass ich sie in diesem Stadium der Tuberkulose heilen könne. Daraufhin meinte sie, dass man ihr nach sechs Monaten im Krankenhaus mitgeteilt habe, es gebe keine Hilfe für sie.

Sie bestritt eine familiäre tuberkulöse Vorgeschichte, ebenso wie eine Erkältungsneigung. Bei näherer Untersuchung stellte ich fest, dass sich eine Erkältung vor sechs Monaten in der Lunge festgesetzt und dort einen Abszess hinterlassen hatte. Dieser hatte einen Teil der linken Lungenspitze zerstört und eiterte unvermindert. Die eingesunkenen Zwischenräume der oberen Rippen wiesen darauf hin.

Reaktion auf die Mittelgabe:
Fünf Wochen nach der Gabe war die Lunge ausgeheilt. Der Husten war verschwunden und die Frau nahm an Kraft zu. Innerhalb eines Jahres brachte sie ein gesundes Kind zur Welt.

Verordnetes Mittel:
Hepar sulphuris calcareum

Fall 9: Mädchen, 14 Jahre alt, Epilepsie

Das Mädchen, dunkle Haare und dunkler Teint, erkrankte zum ersten Mal im Alter von 12 Jahren an Epilepsie. Für gewöhnlich traten die Anfälle nachmittags auf, mit nachfolgender Schläfrigkeit und Übellaunigkeit. Sie hatte keine epileptische Aura, aber es kam zum typischen Schrei und sie fiel mit einem Krampfanfall zu Boden, mit starkem Umherwälzen, Rollen der Augen und Schnappen mit den Zähnen, sodass die Zunge häufig verletzt war.

Ein Symptom trat jedes Mal dabei auf: die rechte Hand griff andauernd an den Hals.

Mittelverordnung:
Das Mittel wurde anfangs in der 3. Potenz gegeben, zwei Mal täglich, ein Monat lang. Dann in der 30. Potenz, eine Gabe alle drei Tage. Nach drei Monaten bekam das Mädchen nach einem sehr heftigen Anfall die 200. Potenz.

Reaktion auf die Mittelgabe:
Die Verbesserung durch dieses Mittel war von Anfang an sehr deutlich. Die Anfälle nahmen zuerst an Heftigkeit ab, dann in der Häufigkeit, und nach einem Jahr waren sie vollständig abgeklungen.

Die Menstruation trat zur gegebenen Zeit ein, war zunächst zwar sehr schmerzhaft, aber das Mittel schien sie derart positiv in Richtung Gesundheit zu beeinflussen, dass die Periode mit der Zeit keine Beschwerden mehr machte.

Verordnetes Mittel:
Belladonna

Fall 10: 44-jährige Frau mit allergischem Exanthem

Eine Sonnenallergie verursachte ein Exanthem und heftigen Juckreiz. Vor der Therapie wollte die Patientin die Zusage des Behandlers, dass es bei der Behandlung nicht zu einer Verschlimmerung an der Haut kommt. Sie litt auch unter starkem Schwindel und fürchtete, dass sich dieser unter homöopathischer Behandlung ebenfalls verschlimmern würde. Aufgrund dieser Befürchtungen hatte sie die Konsultation bereits vier Monate hinausgezögert.

Die vorigen Behandler waren sehr schroff gewesen, weil die Patientin zu den verschiedensten Tageszeiten anrief. Sie kam zur Behandlung, nachdem ihr glaubhaft zugesichert worden war, dass sie jede Zeit anrufen könne.

Ihre Symptome beschrieb sie sehr lebhaft und mit ausschweifenden Handbewegungen. Sie war sehr erregt, lebhaft und antwortete sehr hastig; dabei benutzte sie falsche Worte oder stellte sie an die falsche Stelle. Ihre Kinder, die bei der Konsultation ebenfalls anwesend waren, amüsierten sich sehr darüber, und die Patientin wurde sehr ärgerlich, wenn man sie auslachte.

Sie fürchtete sich auch vor einer Zahnextraktion unter Vollnarkose, die in zwei Wochen angesetzt worden war. Sie hatte Angst vor dem Fliegen und bekam in engen Räumen Platzangst. Wenn sie reisen musste, nahm sie immer einen Sitzplatz am Gang.

Reaktion auf die Mittelgabe:
Sämtliche Beschwerden verschwanden und die Patientin blieb dauerhaft geheilt.

Gewähltes Mittel:
Cocculus indicus

Zitat Paracelsus Hanhnemann

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